Pro & Kontra

Fluoridtabletten oder frühes Zähneputzen mit fluoridierter Kinderzahnpasta?

Was ist denn nun das Beste für mein Kind? Vielen Eltern stellt sich diese Frage, seitdem Zahnmedizin und Kinderheilkunde unterschiedlicher Meinung sind, wie Säuglinge und Kleinkinder am besten mit karieshemmenden Fluoriden versorgt werden sollen.

Die schützende Wirkung der Fluoride ist unbestritten

Fluoride sind unbestritten ein wesentlicher Bestandteil einer wirkungsvollen Vorbeugung von Karies. So sind denn auch Kinder- und Jugendärzte wie auch Zahnärzte nach wie vor einer Meinung, dass verschiedene Maßnahmen der Fluoridierung erheblich dazu beigetragen haben, dass sich in Deutschland die Zahngesundheit von Kindern und Jugendlichen seit einigen Jahren stetig verbessert. Damit die karieshemmende Wirkung von Fluorid so früh wie möglich zum Tragen kommen kann, haben Kinder- und Jugendärzte wie auch Zahnärzte 1996 gemeinsam ein Programm zur Vorbeugung von Karies verabschiedet. Danach sollen Säuglinge und Kleinkinder in den ersten drei Lebensjahren möglichst Fluoride in Form von Tabletten oder Tropfen erhalten.

Allerdings waren und sind sich die Wissenschaftler nicht einig, ob diese innere Anwendung, das heißt die Aufnahme durch den Körper bereits während der Reifephase der Zähne, oder eine lebenslange äußere Anwendung mittels Zahnpasta direkt am Zahnschmelz sinnvoller ist.

Inzwischen wird jedoch nach Meinung der Zahnmediziner durch Studien eindeutig belegt, dass äußere Anwendungen von Fluorid am wirksamsten sind. Dementsprechend wurden seitens der Zahnmedizin im Jahr 2000 neue, vom bisherigen Programm abweichende Empfehlungen zur vorbeugenden Fluoridierung im Säuglings- und Kleinkindalter ausgesprochen.

Kinder- und Jugendärzte bezweifeln allerdings, ob sich die wissenschaftlichen Erkenntnisse auch auf Säuglinge und Kleinkinder übertragen lassen und befürworten weiterhin die frühe Fluoridgabe in Form von Tabletten.

Für Sie als Eltern stellt sich damit verständlicherweise die Frage: Was ist denn nun das Beste für mein Kind? Nachfolgend erfahren Sie deshalb die wesentlichen Positionen und Argumente beider Gruppierungen.

Fluoride wirken nur im Zusammenspiel mit anderen vorbeugenden Maßnahmen

Grundsätzlich sind sich Kind- und Jugendärzte wie auch Zahnmediziner darüber einig, dass Fluoride überaus wichtig, aber nicht das einzige Mittel sind, um Karies zu vermeiden. Vielmehr wirken sie nur im Zusammenspiel mit weiteren vorbeugenden Maßnahmen. Hierzu gehören vor allem:

  • Ständiges Schnuller- und Flaschennuckeln bei Säuglingen und Kleinkindern und zuckerhaltige Beigaben zu vermeiden,
  • eine gesunde Ernährung mit ausreichend langen Pausen zwischen den Mahlzeiten,
  • eine sorgfältige Zahn- und Mundpflege des Kindes wie auch der Eltern,
  • eine rechtzeitige kinderzahnärztliche Betreuung, wenn nötig.

Kinder- und Jugendärzte befürworten für die ersten Lebensjahre Fluoridtabletten

Die meisten Kinder erhalten in den ersten drei Lebensjahren Fluoridtabletten. In den Augen der Kinder- und Jugendärzte hat sich diese Praxis bewährt: Sie berücksichtigt die besonderen Bedingungen bei Säuglingen und Kleinkindern und gewährleistet, dass möglichst viele Kinder zuverlässig mit den notwendigen Fluoriden versorgt werden.

Die Deutsche Akademie für Kinder und Jugendmedizin e.V. empfiehlt deshalb weiterhin:

  • In den ersten sechs Lebensmonaten, d.h. vor Durchbruch des ersten Milchzahns, sollte der Säugling kombinierte Fluorid- und Vitamin-D-Tabletten oder -tropfen in der empfohlenen Fluoridmenge von 0,25 mg/Tag erhalten.
  • Vom siebten bis ca. 36. Lebensmonat, d.h. nach Durchbruch der ersten Milchzähne, sollte die Fluoridgabe in Form von Tabletten oder Tropfen mit 0,25 mg/Tag fortgeführt werden (bis zum Alter von 12 Monaten in Kombination mit Vitamin D). Gleichzeitig sollte das Kind in die tägliche Zahnpflege eingewöhnt werden.
  • Erst wenn ab dem Alter von etwa drei Jahren sicher gestellt ist, dass die Zähne regelmäßig mindestens zweimal täglich geputzt werden, ohne dass die Zahnpasta im Wesentlichen verschluckt wird, und sowohl mit Fluorid angereichertes Speisesalz wie auch mit 500 ppm Fluorid angereicherte Zahnpasta regelmäßig benutzt werden, ist eine weitere externe Fluoridzufuhr mit Tabletten oder Tropfen nicht mehr erforderlich.
  • Wenn diese Bedingungen nicht eingehalten werden, ist die altergemäße Fluoridzufuhr mit Tabletten (je nach Alter 0,5–1,0 mg/Tag) fortzuführen.
  • Bei Auftreten einer Karies ist eine kinderzahnärztliche Behandlung einzuleiten.

(Quelle: Brodehl, Johannes: Ist die Kariesprophylaxe mit Fluoriden immer noch aktuell? Antwort der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin e.V., Gynäkologische Praxis 2003; 27: X-X)

Zahnärzte empfehlen auch für Säuglinge fluoridierte Zahnpasta statt Fluoridtabletten

Statt der Fluoridtabletten oder -tropfen, wie sie die meisten Säuglinge zurzeit ab dem ersten Lebensmonat in der kinderärztlichen Praxis erhalten, empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) nun, ab den ersten Milchzähnen mit etwa sechs Monaten gleich eine fluoridhaltige Kinderzahnpasta zu verwenden. Die wesentlichen Empfehlungen sind im Einzelnen:

  • Aus zahnärztlicher Sicht sind in den ersten sechs Lebensmonaten keine Fluoridierungsmaßnahmen erforderlich.
  • Mit dem Durchbruch der ersten Milchzähne sollten diese von den Eltern einmal am Tag mit einer höchstens erbsengroßen Menge fluoridhaltiger Kinderzahnpasta (500 ppm Fluorid) geputzt werden. Von Zahnpasten mit Frucht- oder Bonbongeschmack wird abgeraten, weil dies zum Herunterschlucken reizt.
  • Ab dem zweiten Geburtstag sollten die Zähne auf die gleiche Weise zweimal am Tag geputzt werden. Dies erhöht den Kariesschutz und soll dazu beitragen, dass sich das Kind frühzeitig an die tägliche Zahnpflege gewöhnt. Bei Kleinkindern muss das Zähneputzen überwacht werden und Eltern sollten bis ins Schulalter hinein, die Zähne ihres Kindes nochmals nachputzen.
  • Zusätzlich zum Zähneputzen mit fluoridhaltiger Zahnpasta wird empfohlen, fluoridhaltiges Speissalz zu verwenden.
  • Ab dem Schuleintritt sollten die Zähne mit einer Zahnpasta mit einem Fluoridgehalt von 1000 bis 1500 ppm geputzt und regelmäßig fluoridiertes Speisesalz zum Kochen verwendet werden.
  • Eine Fluoridgabe in Form von Tabletten kann dann erfolgen, wenn keine fluoridierte Zahnpasta und auch kein fluoridiertes Speisesalz verwendet werden. Allerdings sollte gewährleistet sein, dass die empfohlene Tagesmenge nicht überschritten wird. Hierbei sind auch fluoridhaltige Lebensmittel zu berücksichtigen, da diese auch zur täglichen Fluoridaufnahme beitragen. Deshalb ist es wichtig, dass vor der Fluoridverordnung in der kinder- oder zahnärztlichen Praxis der individuelle Fluoridstatus erhoben wird.

(Quelle: DGZMK: Empfehlungen zur Kariesprophylaxe mit Fluoriden, Stand 06/02, 2002.)

Lokale Fluoridanwendungen sind aus Sicht der Zahnmedizin wirksamer

Die DGZMK stützt sich bei ihren neuen Empfehlungen auf Studien, welche belegen, dass Fluoride vor allem dann wirksam sind, wenn sie äußerlich angewendet werden, dass heißt, wenn sie direkt in Kontakt mit dem Zahnschmelz kommen. Bei Kindern unter sechs Jahren sehen Zahnärzte in der Einnahme von Fluoridtabletten zudem vor allem die Gefahr einer überhöhten Fluoridaufnahme.

Da die karieshemmende Wirkung fluoridierter Zahnpasten aufgrund von zahlreichen Studienergebnissen als gesichert angesehen wird, hält die DGZMK für Säuglinge und Kleinkinder das Zähneputzen mit fluoridierter Kinderzahnpasta ab etwa sechs Monaten und die Verwendung von fluoridiertem Speisesalz für eine ausreichende Fluoridversorgung.

Allerdings hängt die Wirksamkeit fluoridierter Zahnpasta davon ab, wie hoch ihr Fluoridgehalt ist und wie häufig die Zähne damit geputzt werden. So wird in den zahnärztlichen Leitlinien zu Fluoridierungsmaßnahmen (Stand 25.07.2005) darauf hingewiesen, dass nach den vorliegenden Studien Konzentrationen unter 500 ppm offenbar eine geringe kariesvorbeugende Wirkung haben. Auch für Zahnpasten mit einem Fluoridgehalt von 500 ppm ist die Höhe der vorbeugenden Wirkung "in klinischen Studien bisher nicht ausreichend gesichert, die hierzu vorliegenden Ergebnisse sind uneinheitlich." (Gülzow, H. J., Hellwig E., Hetzer G.: Leitlinie "Fluoridierungsmaßnahmen", Stand 25.07.2005, Seite 85).

Gegen die zahnmedizinischen Empfehlungen wenden Kinder- und Jugendmediziner wissenschaftliche wie auch praktische Erwägungen ein

Kinder- und Jugendärzte sehen durch wissenschaftliche Studien nicht bestätigt, dass im Säuglings- und Kleinkindalter die lokale Anwendung in Form von fluoridierter Kinderzahnpasta wirksamer ist. Sie verweisen vielmehr darauf, dass beispielsweise in Norwegen ein deutlicher Kariesanstieg bei fünfjährigen Kindern festgestellt wurde, nachdem sich die Verkaufsraten von Fluoridtabletten reduziert hatten.

Unter Berufung auf entsprechende Studien wird seitens der Kinder- und Jugendärzte nicht bestätigt, dass Fluoridtabletten häufiger Fluorose verursachen. Sie weisen darauf hin, dass die in Deutschland für die ersten Lebensjahre empfohlene Fluoriddosis niedriger ist als zum Beispiel in den USA.

Daneben werden auch ganz praktische Erwägungen angeführt, die aus kinderärztlicher Sicht gegen die zahnmedizinischen Empfehlungen sprechen. Hierzu gehören unter anderem:

  • Kleinkinder verschlucken häufig Zahnpasta. Da Zahnpasten jedoch als Kosmetika deklariert sind, unterliegen sie keinen lebensmittelrechtlichen Kontrollen und eignen sich daher nicht zum Verzehr (Verschlucken).
  • Es wird kinderärztlich empfohlen, in der Kindernahrung zunächst überhaupt kein zusätzliches Speisesalz zu verwenden. Deshalb ist eine ergänzende Fluoridversorgung über fluoridiertes Speisesalz, wie es seitens der Zahnmediziner empfohlen wird, nicht von Anfang an gegeben.
  • Kleine Kinder können sich ihre Zähne noch nicht richtig selbst putzen und oft sind auch Eltern unsicher, wie Kinderzähne am besten gepflegt werden. Es gibt jedoch nur eine unzureichende zahnärztliche Säuglings- und Kleinkinderfürsorge, die Eltern in die Zahnpflege einweisen könnte.

(Quelle: Brodehl, Johannes: Ist die Kariesprophylaxe mit Fluoriden immer noch aktuell? Antwort der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin e.V., Gynäkologische Praxis 2003; 27: X-X)

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