Fluoridtabletten oder Kinderzahnpasta mit Fluorid vom ersten Zähnchen an?

Zahnmedizin und Kinderheilkunde sind unterschiedlicher Meinung, wie Säuglinge und Kleinkinder am besten mit karieshemmenden Fluoriden versorgt werden sollen.

Die schützende Wirkung der Fluoride ist unbestritten

Fluoride sind unbestritten ein wesentlicher Bestandteil einer wirkungsvollen Vorbeugung von Karies. So sind denn auch Kinder- und Jugendärzte wie auch Zahnärzte nach wie vor einer Meinung, dass verschiedene Maßnahmen der Fluoridierung erheblich dazu beigetragen haben, dass sich in Deutschland die Zahngesundheit von Kindern und Jugendlichen seit einigen Jahren stetig verbessert.

Vor diesem Hintergrund wurden unter Verantwortlichkeit der zuständigen zahnmedizinischen Fachgesellschaften Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK), Deutsche Gesellschaft für Zahnerhaltung (DGZ), und Deutsche Gesellschaft für Kinderzahnheilkunde (DGK) unter Mitwirkung der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde und Jugendmedizin e.V., der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin sowie der Deutschen Gesellschaft für Ernährung in einem langjährigen Prozess gemeinsame Leitlinien zu "Fluoridierungsmaßnahmen zur Kariesprophylaxe" erarbeitet und im April 2013 veröffentlicht. 

In den Leitlinien werden auf der Grundlage verfügbarer Studien die verschiedenen Möglichkeiten dargelegt und bewertet, wie Fluoride zugeführt und wirksam sein können, und es werden entsprechende Empfehlungen zusammengefasst. Dabei geht es um folgende Fluoridierungsmaßnahmen: 

  • Tablettenfluoridierung
  • fluoridiertes Speisesalz
  • fluoridhaltige Zahnpasten
  • fluoridhaltige Lacke, Spüllösungen und Gele

Die Fachgesellschaften beider Disziplinen stimmen in den Bewertungen und Empfehlungen weitestgehend überein. Keine Übereinstimmung konnte bei den Empfehlungen zur geeigneten Fluoridversorgung im Säuglings- und Kleinkindalter beziehungsweise zur Anwendung fluoridhaltiger Zahnpasta erzielt werden: Während die kindermedizinischen Fachgesellschaften bereits für die Reifephase der Zähne und darüber hinaus für die ersten Lebensjahre eine "innere Anwendung" in Form von Fluoridtabletten empfehlen, befürwortet die Kinderzahnheilkunde vom Durchbruch des ersten Zähnchens an eine äußere Anwendung mittels fluoridhaltiger Zahnpasta.

Die unterschiedlichen Auffassungen in diesem Punkt werden in den Leitlinien ausführlich dargelegt und begründet.

Für Eltern stellt sich damit verständlicherweise die Frage: Was ist denn nun das Beste für mein Kind? Nachfolgend sind deshalb die wesentlichen Positionen und Argumente beider Gruppierungen zusammengefasst.

Fluoride wirken nur im Zusammenspiel mit anderen vorbeugenden Maßnahmen

Grundsätzlich sind sich Kind- und Jugendärzte wie auch Zahnmediziner darüber einig, dass Fluoride überaus wichtig, aber nicht das einzige Mittel sind, um Karies zu vermeiden. Vielmehr wirken sie nur im Zusammenspiel mit weiteren vorbeugenden Maßnahmen.

Neben der regelmäßigen Fluoridversorgung sind dies die weiteren Bausteine für gesunde Zähne:

Wichtig: Ständiges Flaschennuckeln und Trinken sollte unbedingt vermieden werden. Ebenso sollte von Anfang an auf zuckerhaltige Getränke und Beigaben unbedingt verzichtet werden.

Kinder- und Jugendärzte befürworten für die ersten Lebensjahre Fluoridtabletten

Die meisten Kinder erhalten in den ersten Lebensjahren Fluoridtabletten. In den Augen der Kinder- und Jugendärzte hat sich diese Praxis bewährt: Sie berücksichtigt die besonderen Bedingungen bei Säuglingen und Kleinkindern und gewährleistet, dass möglichst viele Kinder zuverlässig mit den notwendigen Fluoriden versorgt werden.

Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e.V. und die Deutsche Akademie für Kinder und Jugendmedizin e. V. empfehlen deshalb: 

  • Bis das Kind regelmäßig ausreichend Fluorid durch fluoridangereichertes Speisesalz und die Verwendung fluoridierter Zahnpasta erhält, sollte es Fluorid in Form von Tabletten erhalten - in den ersten 12 oder 18 Monaten (je nach Geburtszeitpunkt) kombiniert mit Vitamin D. In den ersten zwei Lebensjahren und bereits vor Durchbruch des ersten Milchzahns, beträgt die empfohlene Tagesdosis 0,25 mg Fluorid. 
  • Solange dem Kind keine weiteren bedeutsamen Fluoridquellen (angereichertes Salz, fluoridhaltige Zahnpasta) zur Verfügung stehen, erhöht sich mit dem Alter die Tagesdosis in Tablettenform, zum Beispiel auf 0,5 mg im Alter von zwei bis vier Jahren. 
  • Das ältere Baby und Kleinkind sollte behutsam und auf spielerische Weise an eine tägliche Zahnreinigung gewöhnt werden. Beim Baby kann die Zahnreinigung nur mit Wasser zunächst mit einem Wattestäbchen oder mit einer altersgerecht geformten Zahnbürste erfolgen. Mit zunehmendem Alter kann sich das Kind dann die Zähne selber putzen.
  • Die Verwendung spezieller Kinderzahnpasten mit einem Fluoridgehalt von 500 ppm wird nicht empfohlen, da deren kariesprophylaktische Wirksamkeit in der empfohlenen Menge (erbsengroß oder als dünner Film) als nicht erwiesen gesehen wird.
  • Eine tägliche Anwendung einer höher dosierten Zahnpasta (1000 ppm Fluorid) wird wegen der Gefahr einer übermäßigen Fluoridzufuhr und der möglichen Bildung einer Fluorose für das Kleinkindalter nicht empfohlen.
  • Sofern das Kind die Zahnpasta zuverlässig ausspuckt, können die Zähne zweimal täglich mit einem dünnen Film fluoridhaltiger Zahnpasta mit mindestens 1000 ppm Fluorid geputzt werden. In der Regel ist dies im Alter von vier Jahren der Fall, wobei es auch hierbei von Kind zu Kind große Unterschiede gibt.
  • Sobald eine regelmäßige tägliche Fluoridversorgung gewährleistet ist durch fluoridierte Zahnpasta und durch eine Ernährung des Kindes mit mehr fluoridangereichertem Speisesalz, ist eine weitere externe Fluoridzufuhr mit Tabletten nicht mehr erforderlich.

Zahnärzte empfehlen auch für das Baby fluoridierte Zahnpasta statt Fluoridtabletten

Statt der Fluoridtabletten, wie sie die meisten Säuglinge zurzeit ab dem ersten Lebensmonat in der kinderärztlichen Praxis erhalten, empfehlen die Fachgesellschaften der Zahnheilkunde ab den ersten Milchzähnen mit etwa sechs Monaten gleich eine fluoridhaltige Kinderzahnpasta zu verwenden:

  • Aus zahnärztlicher Sicht sind in den ersten sechs Lebensmonaten keine Fluoridierungsmaßnahmen erforderlich.
  • Mit dem Durchbruch der ersten Milchzähne sollten diese von den Eltern einmal am Tag mit einem dünnen Film fluoridhaltiger Kinderzahnpasta (500 ppm Fluorid) geputzt werden. Von Zahnpasten mit Frucht- oder Bonbongeschmack wird abgeraten, weil dies zum Herunterschlucken reizt.
  • Ab dem zweiten Geburtstag sollten die Zähne auf die gleiche Weise zweimal am Tag mit einer höchstens erbsengroßen Menge geputzt werden. Dies erhöht den Kariesschutz und soll dazu beitragen, dass sich das Kind frühzeitig an die tägliche Zahnpflege gewöhnt. Bei Kleinkindern muss das Zähneputzen überwacht werden und Eltern sollten bis ins Schulalter hinein, die Zähne ihres Kindes nochmals nachputzen.
  • Zusätzlich zum Zähneputzen mit fluoridhaltiger Zahnpasta wird empfohlen, fluoridhaltiges Speissalz zu verwenden.
  • Nach Durchbruch der ersten bleibenden Zähne (Beginn des Schulalters) sollten die Zähne mit einer Erwachsenenzahnpasta mit einem Fluoridgehalt von mindestens 1000 ppm geputzt und regelmäßig fluoridiertes Speisesalz zum Kochen verwendet werden.
  • Eine Fluoridgabe in Form von Tabletten sollte dann erfolgen, wenn keine fluoridierte Zahnpasta und auch kein fluoridangereichertes Speisesalz verwendet werden.

Lokale Fluoridanwendungen sind aus Sicht der Zahnmedizin wirksamer

Die zahnmedizinischen Fachgesellschaften stützen sich auf Studien, welche belegen, dass Fluoride vor allem dann wirksam sind, wenn sie äußerlich angewendet werden, das heißt, wenn sie direkt in Kontakt mit dem Zahnschmelz kommen. Bei Kindern unter sechs Jahren sehen Zahnärzte in der Einnahme von Fluoridtabletten zudem vor allem die Gefahr einer überhöhten Fluoridaufnahme.

Da die karieshemmende Wirkung fluoridierter Zahnpasten aufgrund von zahlreichen Studienergebnissen als gesichert gilt, wird für Säuglinge und Kleinkinder das Zähneputzen mit fluoridierter Kinderzahnpasta ab etwa sechs Monaten und die Verwendung von fluoridiertem Speisesalz als eine ausreichende Fluoridversorgung betrachtet.

Allerdings hängt die Wirksamkeit fluoridierter Zahnpasta davon ab, wie hoch ihr Fluoridgehalt ist und wie häufig die Zähne damit geputzt werden. Nach den vorliegenden Studien haben Konzentrationen unter 500 ppm nur eine geringe kariesvorbeugende Wirkung und sollten deshalb nicht verwendet werden.

Um das Risiko einer Fluorose zu begrenzen, wird bis zum Schulalter die Verwendung einer Zahnpasta mit 500 ppm Fluorid und erst ab dem Schulalter ein Fluoridgehalt von 1000 ppm empfohlen.

Gegen die zahnmedizinischen Empfehlungen wenden Kinder- und Jugendmediziner wissenschaftliche wie auch praktische Erwägungen ein

Kinder- und Jugendärzte sehen durch wissenschaftliche Studien nicht bestätigt, dass im Säuglings- und Kleinkindalter die lokale Anwendung in Form von fluoridierter Kinderzahnpasta wirksamer als die innere Anwendung ist. 

Daneben werden auch ganz praktische Erwägungen angeführt, die aus kinderärztlicher Sicht gegen die zahnmedizinischen Empfehlungen sprechen. Hierzu gehören unter anderem:

  • Kleinkinder verschlucken häufig Zahnpasta. Da Zahnpasten jedoch als Kosmetika deklariert sind, unterliegen sie keinen lebensmittelrechtlichen Kontrollen und enthalten zahlreiche nicht zum Verzehr (Verschlucken) zugelassene Inhaltsstoffe.
  • Es wird kinderärztlich empfohlen, in der Kindernahrung zunächst überhaupt kein zusätzliches Speisesalz zu verwenden. Deshalb ist eine ergänzende Fluoridversorgung über fluoridiertes Speisesalz, wie es seitens der Zahnmediziner empfohlen wird, nicht von Anfang an gegeben.

Der Artikel gibt den Stand der gemeinsam von Zahnheilkunde und Kinder- und Jugendmedizin erarbeiteten Leitlinie Fluoridierungsmaßnahmen zur Kariesprophylaxe vom 23.01.2013 und der in der Monatsschrift Kinderheilkunde 6/2013 unter dem Titel "Prophylaktische Fluoridgabe im Kindesalter" ergänzend dargelegten Empfehlungen der DGKJ und der DAKJ wieder.

« zurück